Steigende Nachfrage nach Fördermitteln wird zur Herausforderung

14.03.2024

Die Nachfrage nach Mitteln des SNF steigt seit Jahren. Warum? Bewerben sich mehr Forschende um Förderung oder reichen sie höhere Budgets ein? Welche Konsequenzen hat diese Entwicklung? Eine Auswertung interner Daten gibt Antwort.

Die Erkenntnisse im Überblick

Eine deskriptive Analyse der Gesuchszahlen zwischen 2011 und 2023 zeigt:

Die Nachfrage nach SNF-Mitteln wächst seit Jahren kontinuierlich und ist insbesondere im Jahr 2016 sprunghaft gestiegen, wie die gelbe Linie in der folgenden Grafik zeigt. Die Bundesbeiträge an den SNF (blaue Linie) haben sich im selben Zeitraum hingegen nicht im gleichen Masse entwickelt. Die Differenz zwischen angefragter Finanzierung und den zur Verfügung stehenden Mitteln wird immer grösser. Oder anders formuliert: Immer mehr Begehren kann nicht im gewünschten Ausmass entsprochen werden.

Entwicklung der Bundesbeiträge und der Nachfrage nach SNF-Mitteln

Entwicklung der Bundesbeiträge und der Nachfrage nach SNF-Mitteln

Wir haben, um den möglichen Einflussfaktoren dieser Entwicklung auf den Grund zu gehen, eine deskriptive Analyse der Gesuche vorgenommen. Untersucht haben wir für den Zeitraum 2011 – 2023 alle Förderinstrumente des SNF mit einem Fokus auf die zwei grössten Förderkategorien: Projektförderung und Karriereförderung.

Projekt- und Karriereförderung

Mit der Projektförderung finanziert der SNF disziplin- und themenoffene Forschungsprojekte von einzelnen Forschenden und kleineren Forschungsgruppen. Im Jahr 2016 hat der SNF die Projektförderung reformiert, unter anderem um die Förderung für Forschende hinsichtlich Projektlaufzeit und Teamgrösse flexibler zu gestalten. In der Karriereförderung steht die forschende Person im Vordergrund. Zugeschnitten auf verschiedene Karrierestufen, insbesondere Forschende früher bis mittlerer Karrierestufen, unterstützt der SNF die Forschungserfahrung sowie Unabhängigkeit dieser Personen. Ausgenommen sind hierbei aufgrund ihrer Sonderausrichtung die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) sowie die Horizon-Europe-Übergangsmassnahmen. Der Kasten am Ende des Artikels erläutert die Datengrundlage der Analyse.

Im Folgenden werden der Vollständigkeit halber neben der Projektförderung (ohne Sonderausschreibungen wie z.B. Spark) und der Karriereförderung alle Förderinstrumente zusammen dargestellt (graue Linie «Alle Instrumente»).

Die Gesamtperspektive

Wie unsere Auswertungen zeigen, steigt die Nachfrage nach Mitteln in nahezu allen Instrumenten des SNF. Einen besonders starken Einfluss auf die Gesamtnachfrage haben die Instrumente der Projekt- und Karriereförderung:

Für diese beiden Förderarten bewerben sich mit bis zu 3000 Gesuchen pro Jahr die meisten Forschenden und Forschungsgruppen. Neben der Projekt- und Karriereförderung sorgten für den starken Anstieg der Nachfrage in den Jahren 2015 auf 2016, der in der ersten Grafik hervorsticht, zusätzlich die Nationalen Forschungsprogramme (NFP).

Entwicklung der Nachfrage nach Fördermitteln

Entwicklung der Nachfrage nach Fördermitteln

Nachfrage nicht durch die Zahl der Gesuche getrieben

Unsere Auswertung zeigt: Die steigende Nachfrage nach Mitteln wird nicht durch steigende Gesuchszahlen getrieben. Die Anzahl an Gesuchen für die Projektförderung schwankt, mit nur wenigen Ausreissern, um 2000 bis 2500 pro Jahr, wie die orange Linie in der folgenden Grafik zeigt. Auch bei den Karriereinstrumenten (violette Linie) lässt sich in der Gesamtbetrachtung von keinem klaren Aufwärts- oder Abwärtstrend sprechen.

Entwicklung der Zahl der Gesuchseingänge

Entwicklung der Zahl der Gesuchseingänge

Was treibt die steigende Nachfrage nach Mitteln nach oben, wenn nicht die Gesuchszahlen selbst?

Pro Gesuch werden mehr Mittel angefragt

Die Analyse zeigt ein klares Resultat: Die Höhe der nachgefragten Mittel pro Gesuch steigt deutlich an, wie die folgende Grafik belegt. Dies gilt für die Projektförderung (orange Linie) ebenso wie für die Karriereförderung (violette Linie).

Entwicklung der Nachfrage pro Gesuch

Entwicklung der Nachfrage pro Gesuch

Bei den Projekten sieht man in den Jahren von 2016 auf 2017 einen sprunghaften Anstieg: von durchschnittlich 400 000 Franken pro Gesuch auf plötzlich knapp 600 000 Franken. Der Anstieg ist unter anderem auf die Reform zurückzuführen, die 2016 in Kraft getreten ist: Damals hat der SNF das Instrument angepasst, um Gesuchstellenden längere Laufzeiten von bis zu 4 anstatt 3 Jahren sowie das Hinzufügen von Projektpartnern zu ermöglichen. Der SNF reagierte so auf die zunehmende Relevanz kollaborativer Forschung und die Bedürfnisse der Forschenden.

Bei den Karrieren ist ein Anstieg von 2017 auf 2018 zu sehen: die durchschnittliche Höhe nachgefragter Mittel stieg von ca. 300 000 Franken auf knapp das Doppelte. Diese Entwicklung lässt sich unter anderem auf die Einführung der beiden Instrumente Eccellenza und PRIMA zurückführen. In diesen beiden Instrumenten können Gesuchstellende dank möglicher Laufzeiten von bis zu 5 Jahren mehr Mittel anfragen als in anderen Karriereinstrumenten. Zudem fand im selben Jahr zur Einführung der beiden neuen Instrumente die letzte Ausschreibung der SNF-Förderprofessuren statt, einem Instrument, das durch Eccellenza ersetzt wurde.

Forschende bewerben sich für längere Projektlaufzeiten

Wie erwartet gab es seit der Reform der Projektförderung, welche längere Projektlaufzeiten ermöglicht hat, eine Verschiebung der effektiv angefragten Laufzeiten nach oben. Dies zeigt die orange Linie in der folgenden Grafik. Bis 2016 lag die durchschnittlich in den Gesuchen der Projektförderung angefragte Laufzeit bei knapp über 30 Monaten. Ab 2017 beanspruchen Gesuchstellende die seither längere mögliche Dauer, mit durchschnittlich angefragter Laufzeit von bis zu 44 Monaten.

Auch bei den Karriereinstrumenten hat die Laufzeit von Gesuchen einen starken Einfluss auf die Nachfrage. Ab 2018 ist ein deutlicher Anstieg der durchschnittlichen Gesuchslaufzeiten in der Karriereförderung zu sehen (violette Linie). Die durchschnittlich angefragte Laufzeit lag bis 2018 konstant bei etwa 24 Monaten pro Gesuch. Mit der Einführung der Instrumente Eccellenza und PRIMA im Jahr 2018, mit jeweils möglichen maximal Laufzeiten von 60 Monaten, stiegen die angefragten Projektlaufzeiten insgesamt bei den Karriereinstrumenten bis zu 38 Monaten im Schnitt.

Entwicklung der durchschnittlichen Projektlaufzeit

Entwicklung der durchschnittlichen Projektlaufzeit

Der Einfluss der längeren Laufzeiten auf die Nachfrage wird deutlich, wenn bei der Höhe der nachgefragten Mittel pro Gesuch auch die Projektlaufzeit explizit mitberücksichtigt wird. So zeigt die folgende Grafik die Entwicklung der nachgefragten Mittel pro Gesuch-Jahr.

Entwicklung der Nachfrage pro Gesuch-Jahr

Entwicklung der Nachfrage pro Gesuch-Jahr

Der Anstieg der Nachfrage nach Mitteln in der Projektförderung flacht ab (orange Linie): von durchschnittlich 141 000 Franken pro Gesuch und Jahr auf 191 000 Franken. Kontrolliert man für die angefragte Laufzeit pro Gesuch, fällt auch bei den Karriereinstrumenten der Anstieg der Höhe der nachgefragten Mittel geringer aus (violette Linie). Dennoch ist der verbleibende Anstieg nicht unbedeutend und wird im Weiteren näher untersucht.

Mehr Projektpartner:innen

Durch die Reform der Projektförderung wurden Anpassungen an den Regelungen zu Projektpartner:innen und (Co-)Gesuchstellenden gemacht. Seither nutzen Gesuchstellende die Möglichkeit, sich in Teams mit mehreren Projektpartner:innen für die Projektförderung zu bewerben: Bis 2016 haben sich Teams mit durchschnittlich zwei Personen beworben, ab 2017 sind es drei oder mehr, wie die orange Linie in der Grafik unten zeigt. Dies dürfte, neben anderen Faktoren, den verbleibenden Anstieg in den nachgefragten Mitteln pro Gesuch und Jahr erklären. Für weitere Analysen zu Projektpartner:innen siehe: Besser vernetzt dank Projektpartnerschaften: Blick zurück auf die ersten Jahre.

Entwicklung der durschnittlichen Teamgrösse: Gesuchstellende und Projektpartner:innen

Entwicklung der durschnittlichen Teamgrösse: Gesuchstellende und Projektpartner:innen

Konsequenzen der steigenden Nachfrage

Bei steigender Nachfrage und nicht ausreichend verfügbaren Mitteln kann der SNF entweder weniger Gesuche fördern oder er muss die Zusprachen pro Gesuch kürzen. Nach kritischer Prüfung der angefragten Mittel kann es teilweise zu Kürzungen pro Gesuch kommen. Der SNF strebt grundsätzlich aber an, den genehmigten Gesuchen die Mittel in angefragter Höhe zur Verfügung zu stellen.

Dies spiegelt sich entsprechend in den Erfolgsquoten wider. Die sinkenden Erfolgsquoten für die Projekt- und Karriereförderung zeigen, dass der Anteil bewilligter Gesuche an allen eingereichten Gesuchen abnimmt: von über 50% auf knapp über 30% für die Projekt- und Karriereförderung. Dabei gibt es insbesondere in der Karriereförderung grosse Unterschiede zwischen den jeweiligen Förderinstrumenten. Der SNF spielt in der Karriereförderung eine subsidiäre Rolle und richtet seine Förderung stärker an der Anzahl genehmigter Gesuche als an einer konstanten Förderrate aus. Niedrigere Erfolgsquoten bedeuten einerseits erhöhter Wettbewerb. Andererseits können sie auch bedeuten, dass qualitativ hochwertige Gesuche keine Förderung erhalten.

Entwicklung der Erfolgsquoten

Entwicklung der Erfolgsquoten

Auch bei den Förderraten, welche den Anteil der zugesprochenen Mittel an allen insgesamt angefragten Mitteln darstellen, ist ein rückläufiger Trend ersichtlich. Dieser Rückgang ist jedoch nicht so ausgeprägt wie bei den Erfolgsquoten.

Entwicklung der Förderraten

Entwicklung der Förderraten

Fazit der deskriptiven Analyse

Datengrundlage

Als Datengrundlage der vorliegenden Analyse gelten die gesamten Gesuchseingänge für alle Förderinstrumente des SNF zwischen 2011 und 2023. Dabei bezieht sich das Jahr auf das Entscheidungsjahr einer Ausschreibung. Die Daten zu den jeweiligen Instrumenten entsprechen der Datengrundlage der offiziellen Kennzahlen im SNF-Datenportal. Somit sind die Nationalen Forschungsschwerpunkte (NFS) von der Analyse ausgeschlossen. Des Weiteren sind aufgrund ausserordentlicher Budgetierung zusätzlich folgende Instrumente nicht in der Analyse inbegriffen: Horizon-Europe-Übergangsmassnahmen, Open-Access-Förderung, Energieforschung (Ambizione und Assistant Professor), Erweiterungsbeiträge, die Schweizer Roadmap für Forschungsinfrastrukturen sowie die Instrumente r4d, SOR4D, SCOPES und MARVIS. Ebenfalls nicht enthalten sind die Overhead-Beiträge (Beiträge des SNF an die Hochschulen zur Deckung eines Teils der indirekten Forschungskosten). Aufgrund der Integration des Instruments Eccellenza in die hier nicht berücksichtigten Horizon-Europe-Übergangsmassnahmen im Jahr 2022, sowie des Instruments PRIMA im Jahr 2023 (für mehr Informationen zu den Übergangsmassnahmen siehe: 2022: 173 Millionen Franken für die Übergangsmassnahmen), wurden der Vollständigkeit halber die Daten für Eccellenza im Jahr 2022 und 2023 und für PRIMA im Jahr 2023 anhand von Durchschnittswerten aus den Vorjahren einberechnet. Schliesslich wurden Internationale Kurzsaufenthalte aufgrund ihres kurzen Formats und der Förderung des wissenschaftlichen Austauschs von der Karriereförderung der Wissenschaftskommunikation zugeordnet.

Die Bundesbeiträge in der ersten Grafik setzen sich zusammen aus dem Grundbeitrag sowie Zusatzbeiträgen aus den Mandaten und Zusatzaufgaben für die Nationalen Forschungsprogramme (NFP), FLARE und den bilateralen Programmen. Die Mittel für Übergangsmassnahmen des SNF aufgrund der Nicht-Assoziierung der Schweiz an Horizon Europe sowie die Mittel für Nationale Forschungsschwerpunkte (NFS) und für die Overhead-Beiträge sind analog zu den Nachfragedaten aus der Analyse ausgenommen.

Daten, Text und Code dieser Datengeschichte sind auf Github verfügbar und auf Zenodo archiviert.
DOI: 10.46446/datastory.budget-demand-development